Gasversorgung in Europa: ACER warnt vor Engpässen und möglichen verpflichtenden Sparmaßnahmen im Winter

Die europäische Gasversorgung steht vor einem schwierigen Winter. Niedrige Speicherfüllstände, steigende Energiepreise und Unsicherheiten bei internationalen Flüssigerdgaslieferungen erhöhen das Risiko von Versorgungsengpässen. Die EU-Agentur für die Zusammenarbeit der Energieregulierungsbehörden (ACER) hält unter bestimmten Bedingungen sogar verpflichtende Maßnahmen zur Senkung des Gasverbrauchs für möglich.

Deutschlands Gasspeicher deutlich schwächer gefüllt als in den Vorjahren

Besonders angespannt ist die Ausgangslage in Deutschland. Ende Oktober 2026 waren die deutschen Gasspeicher nach Angaben der europäischen Transparenzplattform AGSI+ lediglich zu 62 Prozent gefüllt. Italien erreichte dagegen einen Füllstand von rund 91 Prozent.

Auch der historische Vergleich verdeutlicht den Rückgang. Im Oktober 2020 lagen die deutschen Gasreserven bei 94,27 Prozent, im entsprechenden Vorjahreszeitraum bei 75,15 Prozent.

Für Deutschlands Industrie und private Haushalte könnten die niedrigen Reserven problematisch werden, insbesondere bei einer längeren Kälteperiode.

Zusätzlich belasten steigende Großhandelspreise den Energiemarkt. Nach den Angaben des Ausgangsberichts erreichte der europäische Gaspreis am Mittwoch erstmals seit Ende 2022 wieder 100 Euro je Megawattstunde.

ACER sieht erheblichen zusätzlichen Bedarf an Flüssigerdgas

Laut dem aktuellen ACER-Marktbericht benötigt Europa im Basisszenario für die kommende Heizperiode etwa 900 Terawattstunden Flüssigerdgas (LNG). Diese Menge wäre erforderlich, um den Verbrauch des vergangenen Winters zu decken und anschließend vergleichbare Speicherreserven aufrechtzuerhalten.

Das entspricht ungefähr 78 Milliarden Kubikmetern Erdgas.

In den vergangenen fünf Wintern wurden durchschnittlich lediglich 662 Terawattstunden LNG in die europäischen Gasnetze eingespeist. Selbst der bisherige Höchstwert von 812 Terawattstunden bleibt unter dem errechneten Bedarf.

Nahostkonflikt erhöht Kosten für europäische Gasimporte

Die Beschaffung zusätzlicher Gasmengen wird durch geopolitische Entwicklungen erschwert.

Im Sommer 2026 gingen die europäischen LNG-Importe gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 14 Prozent zurück. Gleichzeitig beeinträchtigten der Krieg im Nahen Osten sowie Angriffe und Blockaden im Bereich der Straße von Hormus den internationalen Energiehandel.

Insbesondere Lieferungen aus Katar blieben weitgehend aus.

Nach Berechnungen von ACER entstanden Europa durch den Nahostkonflikt zusätzliche Gasimportkosten zwischen 18 und 33 Milliarden Euro, selbst bei unveränderten Importmengen.

Verpflichtendes Gassparen als mögliche Krisenmaßnahme

Sollten die europäischen LNG-Lieferungen lediglich den Durchschnitt der vergangenen fünf Winter erreichen, müsste der Gasverbrauch gegenüber dem Vorwinter um ungefähr sechs Prozent sinken.

Nur so ließe sich nach dem untersuchten Szenario am Ende der Heizperiode ein Speicherfüllstand von mindestens 20 Prozent gewährleisten.

ACER nennt mehrere mögliche Entwicklungen, die zu einer entsprechenden Verbrauchsreduzierung führen könnten: einen milden Winter, sinkende Nachfrage infolge hoher Preise oder verpflichtende staatliche Sparmaßnahmen.

Eine europaweite Gassparpflicht ist damit allerdings nicht beschlossen. Die Behörde beschreibt mögliche Reaktionen auf eine angespannte Versorgungssituation.

ENTSOG warnt vor möglichen Versorgungslücken

Auch der europäische Verband der Gasfernleitungsnetzbetreiber ENTSOG untersucht kritische Szenarien.

Bei einem besonders kalten Winter und begrenzten LNG-Lieferungen könnten rechnerisch bis zu zwölf Prozent des europäischen Gasbedarfs ungedeckt bleiben, sofern keine entsprechenden Verbrauchsanpassungen erfolgen.

Dies entspricht etwa 437 Terawattstunden beziehungsweise rund 40 Milliarden Kubikmetern Erdgas.

Ein besonderes Risiko besteht bei stark entleerten Gasspeichern. So lag der Füllstand der größten deutschen Speicheranlage in Rehden am 21. Oktober bei lediglich 18 Prozent.

Mit sinkendem Speicherfüllstand kann auch die täglich entnehmbare Gasmenge zurückgehen. Bei anhaltender Kälte könnte dadurch die Versorgung zusätzlich erschwert werden.

Russisches Gas: Importbeschränkungen erhöhen Beschaffungsdruck

Russland deckt trotz europäischer Sanktionen weiterhin rund elf Prozent des gesamten Gasbedarfs der Europäischen Union. Bei LNG-Importen beträgt der russische Anteil etwa 14 Prozent.

Für Januar 2027 sind weitere Einschränkungen beziehungsweise Importverbote für russische Gaslieferungen vorgesehen. Dadurch wächst der Druck auf die EU, alternative Bezugsquellen zu sichern.

Als wichtiger Lieferant gelten die Vereinigten Staaten. Allerdings konkurrieren europäische Unternehmen mit asiatischen Abnehmern um verfügbare LNG-Mengen.

Rund 30 Prozent der europäischen Flüssigerdgasimporte werden kurzfristig am Spotmarkt beschafft. Dort können höhere Angebote aus Asien dazu führen, dass LNG-Tanker ihre ursprünglich geplanten Lieferziele ändern.

EU-Kommission sieht derzeit keine unmittelbare Versorgungskrise

Trotz der Warnungen bewertet die Europäische Kommission die Versorgungslage bislang weniger kritisch.

Sie verweist auf den seit 2022 erfolgten Ausbau der LNG-Infrastruktur, zusätzliche Importmöglichkeiten und einen insgesamt gesunkenen europäischen Gasverbrauch.

Nach Einschätzung der Kommission kann das europäische Versorgungssystem grundsätzlich auch mit niedrigeren Speicherständen durch den Winter kommen.

Entscheidend bleibt jedoch, ob ausreichend zusätzliche LNG-Lieferungen verfügbar sind.

Steigende Gaspreise könnten Wirtschaft und Haushalte belasten

Für die deutsche Wirtschaft wären erneute Versorgungsengpässe besonders problematisch. Energieintensive Branchen wie die Chemie-, Glas- und Metallindustrie sind auf eine zuverlässige und bezahlbare Gasversorgung angewiesen.

Auch private Verbraucher könnten betroffen sein. Höhere Großhandelspreise schlagen sich häufig zeitverzögert in den Gastarifen nieder.

Fazit: Europas Gasversorgung bleibt von Importen und Wintertemperaturen abhängig

Ob verpflichtende Gassparmaßnahmen erforderlich werden, hängt vor allem von den Temperaturen, der Entwicklung des Verbrauchs und den verfügbaren LNG-Lieferungen ab. Während die EU-Kommission derzeit keine akute Versorgungskrise erwartet, zeigen die Szenarien von ACER und ENTSOG erhebliche Risiken. Für Deutschland erhöhen die vergleichsweise niedrigen Speicherstände den Handlungsdruck vor Beginn der kältesten Wintermonate.

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